Aktuelle Markteinschätzung von Önder Çiftçi, CEO der Ophirum Group

Der Goldpreis hat 2026 eine recht bewegende Berg- und Talfahrt hinter sich. Vom Allzeithoch bei fast 5.600 US-Dollar im Januar bis zum Sommertief unter 4.000 Dollar, im August wieder rauf auf mehr als 4.650 Dollar, im September wieder unter 4.200 Dollar – das Krisenmetall hat viele Anleger in diesem Jahr nervös gemacht. Nach mehreren Rekordjahren in Folge für Gold sind derartige Rückschläge nicht ungewöhnlich. Aktuell notiert das Edelmetall rund um den Jahresschlusskurs von 2025. Doch wie geht es nun weiter?

Hohe Zinsen machen Gold zu schaffen

Für viele Beobachter fiel die Korrektur vom Allzeithoch Ende Januar bis in den Juli um insgesamt rund 28 Prozent überraschend heftig aus. Aus technischer Sicht war sie jedoch keineswegs aus der Luft gegriffen. Allein zwischen Oktober 2025 und Ende Januar 2026 hatte Gold mehr als 40 Prozent zugelegt. Solche überhitzte Rally-Phasen provozieren früher oder später in der Regel eine Konsolidierung. Die Frage lautet: Handelt es sich um eine gesunde Verschnaufpause oder den Beginn einer strukturellen Trendwende?

Dass die massiv gestiegenen Ölpreise die Wahrscheinlichkeit von Zinserhöhungen durch die Notenbanken erhöht haben, ist seit Monaten einer der Hauptbelastungsfaktoren für Gold. Steigt das Zinsniveau, gewinnen festverzinste, risikoarme Geldanlagen wie Staats- und Unternehmensanleihen im Vergleich zu Gold an Attraktivität. Mit dem ölinduzierten Anstieg der Inflation richtete sich der Fokus der Marktakteure daher auf die Zinsentscheidungen der Notenbanken – allen voran der US-Notenbank Fed. Im Laufe der vergangenen Monate hat sich der restriktive Kurs der wichtigsten Notenbanken weltweit zudem weiter verfestigt: Zunächst gab es Zinserhöhungen in Europa und schließlich auch in den USA, Großbritannien und Japan. Die Anleiherenditen für 10- und 30-jährige US-Staatsanleihen stiegen dadurch auf mehr als fünf Prozent – und damit auf den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

Einhergehend mit der Erwartung höherer Zinsen und steigender Anleiherenditen konnte sich auch der zuletzt schwächelnde Dollar wieder erholen. Ein stärkerer US-Dollar verteuert Goldkäufe außerhalb des Dollarraums und bremst die internationale Nachfrage nach dem Edelmetall zusätzlich. Das Zusammenspiel aus höheren Renditen, drohenden Zinserhöhungen und Dollarstärke erklärt den größten Teil der Korrektur am Goldmarkt.

Warum Gold auf solidem Fundament steht

Dennoch zeigte sich Gold auch resilient und verteidigt nach wie vor erfolgreich die 4.000-Dollar-Marke. Und dafür gibt es natürlich Gründe: Gold bewahrt seine Kaufkraft unabhängig von seinem Preis in Dollar, es ist knapp, nicht vermehrbar und wird jederzeit und weltweit als Zahlungsmittel und Wertspeicher akzeptiert. Zahlreiche Notenbanken, die unabhängiger vom US-Dollar oder anderen Währungen werden wollen, verkaufen ihre Devisenreserven und stocken im Gegenzug ihre Goldreserven auf. Allein im zweiten Quartal 2026 erwarben Notenbanken weltweit netto 288,9 Tonnen Gold – ein Rekordwert für ein zweites Quartal und ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Größter Käufer war zuletzt die polnische Zentralbank mit 51 Tonnen, die chinesische Notenbank erwarb 33 Tonnen. Während der vergangenen vier Jahre kauften Notenbanken netto im Schnitt rund 1.000 Tonnen Gold pro Jahr und damit doppelt so viel wie im Durchschnitt des vorangegangenen Jahrzehnts. Die hohen Zentralbankkäufe sind und bleiben damit eine wichtige zentrale Stütze für den Goldpreis.

Krisen ohne Ende, Risiken ohne Preis

Neben der Schuldendynamik und Inflationsgefahren stützt auch das geopolitische Umfeld den Goldmarkt. Im Ukraine-Krieg ist trotz diplomatischer Initiativen wohl kein Ende in Sicht und im Nahen Osten halten die Konflikte um Gaza, Iran und um die Vorherrschaft in der Region an. Zudem bleiben die Spannungen zwischen China und Taiwan eine latente Gefahr für die Weltwirtschaft. Geopolitische Eskalationen treiben traditionell die Flucht in den sicheren Hafen Gold an.

Hinzu kommt die immense Staatsverschuldung der Industriestaaten, nicht zuletzt der USA mit einem Schuldenberg von rund 40 Billionen Dollar. Aber auch in Europa, Japan und anderen Staaten schränkt die hohe Schuldenquoten die Handlungsfähigkeit der Regierungen ein. Hohe Staatschulden schüren das Misstrauen gegenüber den Papiergeldwährungen und beflügeln häufig die Goldnachfrage. 

Langfristig lukrativ

Es kommt also nicht von ungefähr, dass das Gros der Analysten auf lange Sicht optimistisch für Gold gestimmt ist, selbst wenn die Prognosen teils nach unten korrigiert wurden. Gold bleibt ein strategisches Basisinvestment, dass in Krisen vor Verlusten schützt und niemals wertlos werden kann. Die strukturellen Treiber – allen voran Notenbankkäufe, eskalierende Staatsverschuldung, geopolitische Fragmentierung sowie ein langfristig eher schwächerer Dollar – sind intakt und lassen sich durch kurzfristige Zinserwartungen nicht dauerhaft aushebeln. Anleger, die Gold als langfristige Absicherung im Portfolio halten, können die kurzfristigen Preisrückgänge vielmehr als Kaufgelegenheit betrachten.



ÜBER DEN AUTOR

Önder Çiftçi ist Gründer und Geschäftsführer der Ophirum GmbH. Vor der Gründung des bankenunabhängigen Anbieters von Edelmetallen im Jahr 2010 war er bei verschiedenen Banken in führender Position tätig.