Kein Silberstreif am Horizont – zumindest nicht aktuelle. So ist der Silberkurs in dieser Woche bis auf rund 58 Dollar je Feinunze und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang August gefallen. Ähnlich wie bei Gold belastet die US-Geldpolitik auch Silber. Steigende Ölpreise schüren die Inflationssorgen und nähren damit die Erwartung, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen länger auf hohem Niveau halten oder sogar weiter anheben könnte. Höhere Zinsen machen festverzinsliche Anlagen aber attraktiver und mindern den Reiz von Silber, das keine laufenden Erträge abwirft.
Im September hatte die Fed ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Zwar rechnen die Marktteilnehmer laut dem FedWatch-Tool der Terminbörse CME derzeit mehrheitlich nicht mit einem weiteren Zinsschritt auf der nächsten Sitzung Ende Oktober. Die Aussicht auf länger hohe Zinsen sorgt bei Silber aber dennoch für Gegenwind.
Anders als Gold ist Silber aber nicht nur Anlageobjekt, sondern auch ein wichtiger Industrierohstoff. Elektronik, Solarindustrie und zahlreiche Hightech-Anwendungen zählen zu den zentralen Abnehmern. Damit hängt die Preisentwicklung stärker von der Konjunktur ab als bei Gold: Schwächere Wachstumsaussichten und höhere Finanzierungskosten können die industrielle Nachfrage ebenso dämpfen wie die Investitionsbereitschaft der Anleger.
Zwischen Substitution und Zukunftsmarkt
Silber erfährt daher gleich aus zwei Richtungen Gegenwind: Höhere Renditen machen das Edelmetall für Finanzinvestoren weniger attraktiv, während eine mögliche Abkühlung der Weltkonjunktur die industrielle Nachfrage bremsen könnte. Angesichts rekordhoher Öl- und Erdgaspreise rechnen einige Marktbeobachter bereits mit einem konjunkturell bedingten Nachfragerückgang. Zudem ist der Anteil des Edelmetalls in Solarzellen zurückgegangen: Im vergangenen Jahr war der Silberpreis so hoch, dass Substitutionseffekte eintraten. Der Datenanbieter Bloomberg NEF geht davon aus, dass in diesem Jahr 19 Prozent weniger Silber für die Herstellung von Solarmodulen verwendet wird als im Vorjahr.
Ungeachtet dieser Herausforderungen könnte der KI-Boom zum entscheidenden Nachfragetreiber werden. Hyperscaler wie Amazon Web Services, Microsoft und IBM forcieren den Ausbau ihrer Rechenzentren, in denen leistungsfähige Chips und eine effiziente Datenübertragung gefragt sind. Dank seiner herausragenden elektrischen und thermischen Leitfähigkeit ist Silber für bestimmte Anwendungen in der Hochleistungselektronik besonders interessant – etwa bei Chipverbindungen und im Packaging von spezialisierten Prozessoren wie GPUs und TPUs, wo es zu einer zuverlässigen Signalübertragung beitragen kann.
Seine hohe Wärmeleitfähigkeit macht Silber zudem für bestimmte Anwendungen in der Kühl- und Wärmetechnik attraktiv, bei denen die Abwärme leistungsstarker Prozessoren effizient abgeführt werden muss. Entsprechend dürfte daher auch die Nachfrage aus dem Rechenzentrumssektor laut einer Studie von Market Research Future bis 2035 jährlich um gut 5 Prozent wachsen.
Die Angebotslücke wächst
Die strukturellen Argumente für Silber bleiben also trotz der jüngsten Gegenwinde weitgehend intakt. Der globale Silbermarkt steuert 2026 auf das sechste Angebotsdefizit in Folge zu. Nach Berechnungen von Metals Focus im Auftrag des Silver Institute dürfte die Versorgungslücke sogar von 40,3 Millionen auf rund 46,3 Millionen Unzen anwachsen. Ein wesentlicher Grund für das knappe Angebot ist: Es werden nur wenige neue, hochgradige Lagerstätten erschlossen. Hinzu kommt, dass Silber nur selten in reinen Silberminen gefördert wird, sondern überwiegend als Nebenprodukt bei der Gewinnung anderer Metalle anfällt.
Der aktuelle Rückgang geht zwar über eine gewöhnliche Gewinnmitnahme nach einer kräftigen Rally hinaus, ist aber noch kein eindeutiges Signal für einen langfristigen Trendbruch. Vielmehr dürfte der Markt einen Teil der hohen Erwartungen, die zuvor im Silberpreis eingepreist waren, aktuell korrigieren.
Entscheidend wird nun sein, ob die strukturelle Angebotsknappheit stark genug bleibt, um den Gegenwind durch höhere Zinsen und eine nachlassende Industriedynamik aufzufangen. Künftig dürfte sich der Silberpreis stärker daran messen lassen müssen, ob die tatsächliche Nachfrage die hohen Erwartungen rechtfertigt – und wohl weniger darauf bauen können, dass der industrielle Verbrauch nahezu ungebremst weiterwächst.